Jede Medaille hat bekanntlich eine Kehrseite und auch bei den Fanzahlen kommt diese Redensart zur Geltung. Die Kehrseite sollte erwähnt werden, um die Grundproblematiken verstehen und deuten, auf der anderen Seite aber auch, um korrekte Schlussfolgerungen treffen zu können.
Qualitität ≠ Quantität
Grundsätzlich sagen die Fan- und Followerzahlen nichts über die Qualität eines Mediums oder die Intensität des Kontakts zwischen Fan und Medium aus. Es sind zunächst einmal rein quantitative Zahlen, die einer genaueren Begutachtung bedürfen. Die Facebook- und Twitter-Charts haben daher nur auf den ersten und zweiten Blick eine Relevanz. Auf dieser Website gibt es deshalb auch zahlreiche weitere Statistiken, Diagramme und Filterkriterien, die zur genaueren Untersuchung eingesetzt werden. Da Sie als Premium-Mitglied alle Statistiken auch als Datei exportieren können, lohnt immer auch der Querverweis mit anderen Werten (z.b. Reichweiten, Auflagen oder sonstigen Quoten).
Fanzahlen ≠ Nutzerzahlen
Sowohl bei Facebook als auch bei Twitter geben die offiziellen Zahlen nicht die aktiven Nutzer wieder. “Aktive” Nutzer bei Facebook haben sich in den letzten 30 Tagen mindestens einmal eingeloggt; sie geben keine Karteileichen wieder. Facebook führt zwar über die Facebook-Werbeanzeigen eine aktive Nutzerliste. Allerdings gelten diese Angaben nicht für eine einzelne Page, sondern nur allgemein, ortsbezogen und sind auch noch geschätzte Werte. Nur Administratoren einer Facebook-Page haben in den Statistiken (Insights) genauere Einblicke. Sie sind nicht öffentlich zugänglich. Bei Twitter fehlt diese Information völlig.
Spam-Follower
Teils automatisiert, teils persönlich auf “Folgen” geklickt: In den Follower-Zahlen tummeln sich bei nahezu jedem Twitter-Account SPAM-User herum. Twitter spricht hier offiziell von Follow Spam. Diese Nutzer haben kein Interesse, Ihre Tweets zu lesen, sondern wollen im Gegenteil Ihre Aufmerksamkeit erlangen. Sie können diese Nutzer blockieren und als Spam markieren; ab einer bestimmten Größenordnung ist dies aber ein immenser Aufwand, weshalb es viele einfach sein lassen. Und viele denken sich: Ein Spam-Follower ist ein Fan mehr in meiner Statistik, wozu also verbannen? Facebook hat -zumindest theoretisch- kein Spam-Follower (siehe auch den Punkt “Fake-Friends”).
Fake-Friends
Zunächst einmal hat Facebook die SPAM-Problematik grundsätzlich besser im Griff als Twitter, was aber auch der unterschiedlichen (Registrierungs)Art der SocialNetworks geschuldet ist. Bei Facebook darf man z.B. nur ein einziges persönliches Profil pro Person erstellen (Nutzungsbedingungen Punkt 4.2). Allerdings liegt spätestens seit der Guttenberg-Unterstützerseite der Verdacht nahe, sich unlauterer Wege bedienen zu können. Das gilt für beide Sozialen Netzwerke. Dubiose Firmen bieten im Internet Fankäufe an. Hätten Sie gerne 200.000? Oder gleich eine Million? Mittels Tracking und anderer Schutzmechanismen kann Betrügern aber relativ schnell das Handwerk gelegt werden. Darüber hinaus untersagen die Nutzungsbedingungen von Facebook (sowohl für Betreiber als auch für Fankäufer) solche Verfahrensweisen. Experten schätzen sogar, dass Fankäufe sogar ein “rechtswidriges Delikt” darstellen, das Schadensersatzpflichten nach sich ziehen kann.
Pages liken Pages
Eine 2011 eingeführte Funktion von Facebook ist die Möglichkeit, unter der Verwendung des Pagenamens (und unabhängig vom persönlichen Profil) eine andere Page zu liken. Das wird zwar relativ wenig genutzt, sollte aber erwähnt werden; schließlich fließt diese Fanzahl auch in die Gesamtstatistik mit ein.
Alles hat ein Ende…
Irgendwann wird das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Ein unendliches Wachstum ist bei den Sozialen Netzwerken nicht möglich. Beispiel: Wenn ein kleine Lokalzeitung nur eine Auflage von vielleicht 10.000 Exemplaren hat (…und selbst mit Hinzuziehung des gesamten Einzugsgebietes), ist es logisch und verständlich, dass eine Facebook-Seite dieser Lokalzeitung niemals auf mehrere hunderttausend Fans kommen kann.
“Gefällt mir” (nicht)
Der Klick auf “Gefällt mir” bedeutet nicht zwangsläufig, dass einer Person zwangsläufig das Medium gefällt. Facebook erlaubte beispielsweise bis Ende 2011 die Kommentarfunktion nur denjenigen, die vorher die Seite “geliked” haben. Bei lebhaften Diskussionen (um noch einmal die Guttenberg-Seite zu erwähnen) heißt es also nicht automatisch, dass alle zahlenmäßigen Fans die Ansicht des Seiten-Titels teilen.
Liste statt Follower
Bei Twitter kann man einem Account folgen, ohne offiziell sein Follower zu sein. Der Trick gelingt mit externen Twitter-Clienst, aber auch mit den Twitter-internen Listen. Betrachten wir die Follower-Zahlen, wirkt sich diese Twitter-Funktion negativ aus, da die Liste nicht in der Gesamtstatistik des Accounts auftaucht.
Entfollowen und Entliken
Zwei grässliche anglisierte Wörter! Trotzdem ein wichtiger Hinweis: Einen Twitter-Account zu entfollowen, ist meist einfacher als bei Facebook und mit kaum mehr als drei Klicks verbunden. Folge ich einem Twitter-User, so ist dieser Hinweis in seinem Profil zentral im Kopfbereich platziert. Wird mir der User zu lästig, reicht ein einfacher Klick auf den Button “Folge ich”. Fertig! Bei Facebook gibt es theoretisch gesehen weniger Klicks, dafür ist der Link unten links auf der Facebook-Seite versteckt. Man darf vermuten, dass Facebook-User eher die Posts im Nachrichtenstrom auf der Startseite dauert ausblenden, anstatt die Facebook-Seite zu entliken.
Relativ lokal
Dass z.B. ein kleiner Lokalradiosender um ein Vielfaches weniger Followerzahlen haben muss als eine bundesweite Zeitung, liegt auf der Hand. Das heißt aber nicht, dass er in Relation schlechter ist oder schlechter abschneidet.
Je größer, desto größer
Der Wachstum von Facebook-Seiten und Twitter-Accounts mit hohen Zahlen ist schneller als bei Netzwerken mit geringeren Werten. Facebook und Twitter pushen zudem diese Seiten, in dem sie sie anderen Nutzern vorschlagen. Die virale Vermarktung ist ohne großes Zutun ein fast schon automatisierter Prozess.
Je größer, desto kleiner
Die Interaktionsraten werden geringer, je höher die Fan- und Followerzahlen eines Netzwerkes sind. Das wurde bereits bei Facebook-Seiten mit mehr als 100.000 Fans untersucht und festgestellt.
Ein Twitter-Account, der keiner ist…
Gelegentlich sieht man Twitter-Accounts, die abgeschnittene Teaser (mit “…”) enthalten und zu einem Post mit dem Link http://fb.me/xyz weiterleiten (z.B. sehr häufig bei den Radiosendern Oldiestar oder Radio 7). Streng genommen sind diese eigentlich gar keine richtigen Twitter-Accounts, denn sie crossposten lediglich einen Facebook-Post und haben offensichtlich die Chancen von Twitter oder noch gemeiner ausgedrückt von Sozialen Netzwerken nicht verstanden. Die Interaktionsraten und Fanzahlen dieser automatisierten Accounts sind meist jenseits von Gut und Böse. Zu Recht! Seltener findet man diese RSS-Poster auch bei Facebook (z.B. bei der an sich sehr guten Computersendung Escape auf radioeins).
Junge Vorfahrt
Beachtet werden sollte auch, dass (noch) vor allem die junge Generation bei Facebook und Twitter ist. So ist es auch mehr als verständlich, dass YouFM und 1live zwangsweise mehr Fans in den SocialNetworks haben müssen, als beispielsweise NDR Kultur und WDR2, deren Klientel deutlich älter ist. Auch hier sagen die Statistiken nichts über die Qualität des Mediums aus.
Vermischtes Doppel
Einige Mediengruppen oder Verlage verwenden einen zusammengefassten Facebook- oder Twitter-Account für gleich mehrere ihrer Medien. Eine statistische Trennung ist dann logischerweise nicht nachvollziehbar. Außerdem lassen sich Vergleiche mit der Konkurrenz wegen möglicher Doppelungen nur schwer nachvollziehen: Sender 1 hat 50.000 Fans, Sender 2 hat 40.000 Fans… aber möglicherweise haben beide Sender 30.000 identische Fans. Das lässt sich technisch nicht herausfinden.
Ausgeblendet
Vor allem bei Facebook besteht die Möglichkeit, zwar Fan einer Page zu sein, aber gleichzeitig keine Meldungen im Nachrichtenstrom zu lesen. Mit nur drei Klicks kann ein Facebook-Nutzer alle Meldungen einer Page dauerhaft ausblenden. Abgesehen von externen Clients, die es separat anbieten, gibt es bei Twitter keine offizielle Funktion dafür. Bei Twitter liest man entweder alles oder gar nichts. Bei Facebook geht hingegen beides. Die Gefahr ist bei Facebook, aufgrund von internen Algorithmen (z.B. bei zu vielen Posts) oder durch manuelle Ausblendungen seitens der Nutzer, als Medium von der Bildfläche zu verschwinden.
ABER…
es fällt auf: Medien, die einen regen Austausch mit ihren Usern pflegen (z.B. Radio Fritz, Antenne Bayern oder SWR3), kleine Lokalsender wie Antenne Düsseldorf, die präzise und aktuell ihre Hörer mit News beliefern, oder auch Sender wie radioeins, die mit Podcasts und Nachdenkpausen (dafür aber dezent eingesetzt) neugierig machen, haben deutlich mehr Follower und Fans als Karteileichen, die nur mit ihrem Namen hausieren gehen. Auch die hohen Score-Werte von Klout und dem PeerIndex scheinen diese Vermutung zu belegen. Zumindest sind deren Interaktionsraten deutlich höher.
Was offensichtlich noch viele Medien nicht erkannt haben: Facebook und Twitter sind kostenlos. Und letztendlich auch kostenlose Werbung. Der Aufwand, für die Stadt eine neue Plakatkampagne zu starten, ist (einschließlich Personalkosten) um ein Vielfaches teurer. Alte, aber auch potenziell neue Hörer erreicht man vor allem dort, wo sie sich aufhalten. Und das sind sie millionenfach bei den großen Sozialen Netzwerken wie Twitter, Google+ und vor allem Facebook. Das heißt aber nicht, dass Karteileichen bei den Sozialen Netzwerken ausreichen. Auch die Zeit, in der der Chef gesagt hat “Du machst jetzt auch Twitter noch nebenbei, sind ja nur 140 Zeichen” sollte vorbei sein.






